Visionen, die wirken: Mit Zukunftsbildern Innovationen vorantreiben
Transformation braucht Zukunftsbilder: Simone Kaiser vom Fraunhofer IAO über gesellschaftlich akzeptierten Wandel, Trends und wie Kreative den Prozess bereichern.
Transformation braucht Zukunftsbilder: Simone Kaiser vom Fraunhofer IAO über gesellschaftlich akzeptierten Wandel, Trends und wie Kreative den Prozess bereichern.

Frau Kaiser, als Leiterin des Center for Responsible Research and Innovation beim Fraunhofer IAO beschäftigen Sie sich intensiv mit gesellschaftlichen Trends und den Erwartungen an neue Technologien. Warum ist es wichtig, bei Innovations- und Transformationsprozessen auf gesellschaftliche Wünsche einzugehen?
Simone Kaiser: Um Wandel voranzubringen, müssen wir ihn auf viele Schultern verteilen. Das heißt, Menschen nehmen ihn idealerweise für sich an und unterstützen ihn. Sie haben individuelle Perspektiven und Bedarfe, die wichtig sind, um Veränderungen in der Praxis umzusetzen. Insbesondere, wenn wir über Transformationsprozesse auf gesellschaftlicher Ebene reden, sollten wir niemanden zurücklassen.
Welcher gesellschaftliche Trend wird aus Ihrer Sicht von vielen Unternehmen unterschätzt – und könnte sich als echter Gamechanger im Innovationsprozess erweisen?
Ich glaube, die Kreislaufwirtschaft wird von vielen Unternehmen noch unterschätzt. Oft wird sie vor allem als Nachhaltigkeitsthema gesehen – dabei steckt darin enormes Innovationspotenzial. Wenn Produkte von Anfang an so entwickelt werden, dass Materialien im Kreislauf bleiben, entstehen völlig neue Geschäftsmodelle, Partnerschaften und Produktionsprozesse. Das verändert nicht nur einzelne Unternehmen, sondern ganze Branchen. Und: Damit es funktioniert, braucht es auch die Gesellschaft – Kund*innen, die bereit sind, Produkte zurückzugeben, zu teilen oder neu zu nutzen. Dieses Zusammenspiel kann ein echter Gamechanger werden.
„Technologische Innovationen sind nie unabhängig von sozialen Veränderungen. Unternehmen können sich diesen Mechanismus zunutze machen."
Können Unternehmen gesellschaftliche Trends auch maßgeblich beeinflussen – und damit sozusagen den Stein selbst ins Rollen bringen?
Da ist die Forschung sehr eindeutig: Beides ist möglich. Manche Trends entstehen bottom-up – das heißt, eine gesellschaftliche Innovation steht am Anfang. Ein Beispiel ist das Car Sharing, das seine frühen Anfänge in der Umweltbewegung der 1980er Jahre hatte. Als Smartphones dann flächendeckend genutzt wurden, entwickelte sich daraus über das Nischenphänomen hinaus ein breites, neues Geschäftsmodell. Für andere Innovationen kommt der Impuls aus der Technologieentwicklung – wie aktuell bei generativer KI, die weit über einen Trend hinaus unsere Gesellschaft verändern wird. Technologische Innovationen sind nie unabhängig von den sozialen Veränderungen, die ihnen vorangehen, sie begleiten oder erst ermöglichen. Unternehmen können sich diesen Mechanismus zunutze machen.


„Es hilft, sich eine gemeinsame Vorstellung der möglichen Zukunft zu machen und sich dann darüber zu verständigen.“
Sie entwickeln für Akteur*innen aus Wirtschaft, Forschung und Politik neue Prozesse und Methoden, um Innovationen verantwortungsbewusst zu gestalten. Können Sie ein Beispiel nennen, wie ein solcher Prozess in der Praxis abläuft?
Ein gutes Beispiel ist unser Projekt „Stadt, Land, Chancen“. Gemeinsam mit einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftler*innen haben wir Zukunftsbilder entworfen, die zeigen, wie sich Leben und Arbeiten in Stadt und Land verändern könnten. Diese Bilder haben wir dann in einem innovativen Online-Format mit Bürger*innen diskutiert. Knapp 9.000 Menschen haben mitgemacht, ihre Sorgen und Chancen eingebracht und so wichtige Impulse in die Debatte gegeben. Solche Prozesse sind für mich ein zentraler Teil verantwortungsvoller Innovationsgestaltung: Sie holen gesellschaftliche Perspektiven früh ins Boot und schaffen so die Basis für Akzeptanz und Unterstützung, gerade wenn technologische Innovationen unseren Alltag verändern.
Können Sie das genauer erklären: Was ist ein Zukunftsbild?
Ein Zukunftsbild ist eine Darstellung einer möglichen Zukunft. Das kann eine Illustration, ein Film, eine Grafik, eine textliche Narration, eine Dystopie oder eine Utopie sein – abstrakt oder konkret. Aber es hilft, sich eine gemeinsame Vorstellung der möglichen Zukunft zu machen und sich dann darüber zu verständigen.
Wie können Unternehmen ein eigenes Zukunftsbild entwickeln und damit Innovationen vorantreiben?
Für ein eigenes Zukunftsbild starten wir mit einer fundierten Trendanalyse – so wird klar, welche Veränderungen, Chancen und Risiken wirklich relevant sind. Wenn man diese Trends miteinander verknüpft, entstehen verschiedene Szenarien: vom wahrscheinlichen über das weniger wahrscheinliche bis hin zu wünschenswerten Zukünften. Und gerade diese wünschenswerten Bilder sind im Innovationsprozess Gold wert: Sie geben Orientierung, stiften Identität und setzen Kreativität frei. Auf dieser Basis lässt sich dann gezielt ableiten, welche Schritte heute nötig sind, um diese Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen.
„Kreative übersetzen Fachsprache in eine allgemein verständliche, nachvollziehbare und konkrete Form.“
Auch wir beim Hub arbeiten mit der sogenannten Foresight-Methode. Welche Vorteile können kreative Expertisen im Innovationsprozess mitbringen?
Kreative spielen eine zentrale Rolle in Innovationsprozessen, weil sie zwei Dinge besonders gut können: Zum einen öffnen sie Diskurse. Sie bringen durch ihre professionelle Kreativität neue Perspektiven ein und schaffen so Raum für Ideen. Zum anderen übersetzen sie Fachsprache in eine allgemein verständliche, nachvollziehbare und konkrete Form – ob in Bildern, Geschichten oder Prototypen. Beides ist entscheidend, um Menschen für Transformationsprozesse zu gewinnen und mitzunehmen.
Wie gelingt Unternehmen der erste Schritt Richtung Transformation? Haben Sie eine konkrete Maßnahme?
Am Anfang steht eine fundierte Analyse: Wo stehen wir und welche Entwicklungen, Chancen oder Risiken sind relevant? Darauf folgen Szenarien und Zukunftsbilder, die Vision und Strategie verbinden. Schließlich geht es darum, in einer agilen, lernenden Struktur erste Schritte zu gehen – mit Pilotprojekten, sichtbaren Aktivitäten und dem Aufbau starker interner und externer Netzwerke, um Verantwortung breit zu verankern. So entsteht von Anfang an ein Momentum für Transformation, das langfristig trägt.