"Wer tötet, hat auch die Verantwortung zu retten"
Vom Insektenkiller zum Insektenretter: Wie der Unternehmer Dr. Hans-Dietrich Reckhaus durch zwei Künstler Sinn, Haltung und ein neues Geschäftsmodell fand.
Vom Insektenkiller zum Insektenretter: Wie der Unternehmer Dr. Hans-Dietrich Reckhaus durch zwei Künstler Sinn, Haltung und ein neues Geschäftsmodell fand.

Herr Dr. Reckhaus, Ihr Unternehmen hat sich von klassischer Insektenbekämpfung zu einem Vorreiter im Insektenschutz gewandelt – und das durch die Zusammenarbeit mit Künstlern. Wie kam es dazu?
Dr. Hans-Dietrich Reckhaus: Die Kooperation hatte ich ursprünglich nicht gesucht, um mein Geschäftsmodell zu hinterfragen. Ich wollte eines meiner Produkte durch eine Kunstaktion bekannter machen – statt zu einer Werbeagentur ging ich direkt zu zwei Konzeptkünstlern. Doch das Spiel drehte sich schnell: Sie wollten nicht einfach eine Fliegenfalle bewerben, sondern mich vom Insektenkiller zum Insektenretter machen.
„Ich war nie ein stolzer Unternehmer. Ich suchte nach Sinn in meiner Arbeit – ohne zu ahnen, dass ich ihn bei den Künstlern finden würde.“
Sind Sie direkt auf diese Idee eingegangen? Wie ging es dann weiter?
Ich hatte nie ein schlechtes Gewissen mit meinem Unternehmen, aber die beiden Künstler haben mich tief getroffen. Ich war nie ein stolzer Unternehmer, eher ein Zahlenmensch auf der Suche nach Sinn. In einer langen Sitzung konfrontierten sie mich mit der Schattenseite meines Geschäftsmodells und stellten schließlich die Frage: „Wie viel ist eine Fliege für dich als Insektizidhersteller wert?“
Diese Frage ließ mich nicht los. Gleichzeitig präsentierten sie eine Lösung: eine große Fliegenrettungsaktion – ursprünglich als Vermarktung einer Fliegenfalle gedacht. Anfangs war das völlig fremd für mich, aber nach zwei schlaflosen Nächten stimmte ich zu. Das war der erste Schritt unserer Transformation.


„Es kann nicht sein, dass NGOs hinter mir aufräumen – für den Schaden, den ich verursache.“
Ihr Sortiment reicht von Klebefallen und Insektensprays bis hin zum Siegel „INSECT-RESPECT“, mit dem Sie insektenfreundliche Lebensräume fördern. Ist das kein Widerspruch?
Überhaupt nicht. Wer tötet, hat auch die Verantwortung zu retten. Es kann nicht sein, dass NGOs hinter mir aufräumen und Lebensräume für den Schaden anlegen, den ich verursache. Außerdem: Insekten zu töten ist oft völlig sinnlos – das wissen viele nicht. Ich nutze jedes Produkt, um zu zeigen: „Seht her, ihr braucht es vielleicht gar nicht.“ So entsteht Bewusstsein. Für mich ist das kein Widerspruch, sondern logische Konsequenz.
Wie können Kreative bei einer solchen grundlegenden Transformation eines Unternehmens hilfreich sein?
Kreative denken anders als Unternehmer. Sie sind frei von Konventionen und Sachzwängen, können von außen auf die Gesellschaft blicken und das Wesentliche erkennen. Deshalb sind sie gute Berater: Sie zeigen, was richtig oder falsch läuft, und entwickeln Ideen, die nicht von Effizienz, sondern von Sinn getragen sind.
„Kreative denken anders als Unternehmer. Sie sind frei von Konventionen und Sachzwängen.“
In Ihrem Buch „Fliegen lassen – Wie man radikal und konsequent neu wirtschaftet“ schreiben Sie, dass Sie anfangs viel Rendite eingebüßt haben. Hat sich der Wandel inzwischen wirtschaftlich gelohnt?
Anfangs überhaupt nicht – es war eine Vollkatastrophe. Ich habe viel Geld verloren, aber unglaublich viel Lebensfreude gewonnen. Inzwischen versteht die Öffentlichkeit unsere Haltung besser, und wir wachsen stark. Dass unsere Produkte heute bei großen Händlern wie dm und Rossmann im Regal stehen, zeigt: Der Markt honoriert konsequentes Umdenken. Bis sich der Wandel wirtschaftlich vollständig rechnet, wird es aber noch einige Jahre dauern.
Würden Sie anderen Unternehmen trotzdem zu einem solchen Schritt raten?
Absolut. Mein Unternehmen schafft heute ökologischen und sozialen Mehrwert – und das erfüllt mich. Wer Nachhaltigkeit ernsthaft angeht, wird langfristig erfolgreicher als mit einem sinnentleerten Geschäftsmodell. Je früher man beginnt, desto eher zahlt es sich aus. Für mich als Insektizidhersteller ist das Wesentliche: Insekten zu retten. Wer inhaltsorientiert arbeitet, schafft Vertrauen und ökonomischen Wert – damit sind wir heute die wichtigste Stimme im deutschsprachigen Raum für Insekten.